Sie sind hier:
StartseiteÖkologischer Landbau
5.2 Ökologischer Landbau Ökologischer Landbau orientiert sich am Ideal eines weitgehend in sich geschlossenen, wohl proportionierten Betriebsorganismus. Äußere Kennzeichen und Ziele sind vielseitige Fruchtfolgen, tiergerechte, in den Betriebsorganismus integrierte Nutztierhaltung und damit verbunden der Vorzug von organischen Düngern und natürlichen Ressourcen. Dementsprechend dominiert bei den Betriebstypen der landwirtschaftliche Gemischtbetrieb, es werden aber auch viehlose Ackerbaubetriebe im System des Ökologischen Landbaus bewirtschaftet. In der Europäischen Union hat die Wirtschaftsweise des Ökologischen Landbaus mit der Verordnung (EWG) 2092/91 eine gesetzliche Basis bekommen. Sie stellt einen verbindlichen Mindeststandard dar, der durch weitergehende Anbau- und Erzeugerrichtlinien verschiedener Verbände ergänzt wird. Der Terminus „Ökologischer Landbau“ ist ein Oberbegriff für verschiedene Varianten. Hauptrichtungen sind der „Biologisch-Dynamische Landbau“ und der „Organisch-Biologische Landbau“. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass sich die Biologisch-Dynamische Richtung auf die Anthroposophie stützt, wobei strenge Produktionsrichtlinien hinsichtlich der Anwendung von Präparaten zur Kompostierung und Pflanzenpflege sowie besondere kosmische Konstellationen zu beachten sind. Diese Wirtschaftsweise geht auf Rudolf Steiner (1861–1925) zurück, der 1924 im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft einen „Landwirtschaftlichen Kurs“ aus acht Vorträgen abhielt und damit die theoretischen Grundlagen schuf. Anthroposophie wird von ihm als ein Erkenntnisweg beschrieben, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte. Eine wesentliche Wurzel dafür ist der Goetheanismus. Er sucht das sinnlich-übersinnliche Wirken in der Natur im unbefangenen Beobachten der Erscheinungen durch „Anschauende Urteilskraft“ zu erfassen. Immanent ist dabei der Grundsatz ganzheitlicher Betrachtung. Er zielt darauf ab, sich in ein Verständnis für die organisierenden Kräftezusammenhänge einzuleben, die den Lebenserscheinungen zugrunde liegen. Ziel der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise ist ein standortgemäßer, arbeits- und marktgerechter Betriebsorganismus, wobei ökonomische, ökologische und soziale Belange optimiert werden sollen. Ein solcher Betrieb soll den Charakter einer weitgehend in sich geschlossenen „Individualität“ aufweisen. Der Organisch-Biologische Landbau hat sich aus der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise abgeleitet und zunächst in der Schweiz entwickelt. Er wurde von Dr. H. Müller (1891–1988) begründet und später durch den Arzt und Mikrobiologen Dr. H. P. Rusch ergänzt. Kennzeichen sind ebenfalls ein weitgehend geschlossener Betriebsorganismus, wobei jedoch die Anwendung von Präparaten und die Beachtung kosmischer Konstellationen nicht vorge- Das Landwirtschaftssystem des Ökologischen Landbaus ist im Sinne der Nachhaltigkeit durch eine Reihe von freiwilligen Selbstbeschränkungen gekennzeichnet. Diese betreffen den Verzicht auf leichtlösliche mineralische Düngemittel, insbesondere die mineralische Stickstoffdüngung, das Verbot von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln sowie den Ausschluss des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen. In den Mittelpunkt wird mehr der gesunde, lebendige Boden und davon ausgehend der Kreislauf lebender Substanzen gestellt. Mit den Verfahren des Ökologischen Landbaus sollen Natur und Landschaftgeschützt, die Ökosysteme in ihren Funktionen erhalten und nichterneuerbare Energie- und Rohstoffquellen geschont werden. Durch den Verzicht auf mineralische Stickstoffdüngung und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel werden bewusst Mindererträge in Kauf genommen, die in Abhängigkeit von Standort, Fruchtart und Jahr zwischen 30 und 50% ausmachen können. Dies kann aber durch höhere Markterlöse mehr oder minder kompensiert werden, da die erzeugten Produkte als hochwertig angesehen und mit höheren Preisen bezahlt werden. Aufgrund der genannten Selbstbeschränkungen ist der Ökologische Landbau im Vergleich zum Integrierten Landbau in viel stärkerem Maße von den unveränderlichen Standortfaktoren abhängig. Maßnahmen der Steuerung durch den Einsatz externer Produktionshilfsmittel sind kaum oder nicht verfügbar und entsprechen auch nicht den Prinzipien des geschlossenen Betriebsorganismus. Dementsprechend hoch ist die Bedeutung der optimalen Standortanpassung. Fehler bei der Fruchtfolgegestaltung, Bodenbearbeitung sowie Arten- und Sortenwahl wirken sich deutlich negativ auf den Betriebserfolg aus. Kernstück ist daher die Fruchtfolge. Eine möglichst große Diversität ist das wirksamste Mittel zur Nutzung selbstregelnder Prozesse und Kräfte im ökologisch wirtschaftenden Betrieb. Dabei ist zu beachten, dass der Umfang der Viehhaltung den Feldfutteranteil und den Strohbedarf (Getreideanteil) für die Einstreu bestimmt. Die erforderliche Reproduktion bzw. Mehrung der organischen Bodensubstanz entscheidet mit über den Hackfruchtanteil bzw. den Anbauumfang von humusmehrenden Fruchtarten. Das Stickstoffangebot für die nichtlegumen Fruchtarten und damit deren Ertragshöhe ist überwiegend vom Anteil der Leguminosen in der Fruchtfolge und der optimalen Nutzung ihrer positiven Vorfruchtwirkungen abhängig. Dementsprechend wird in Betrieben des Ökologischen Landbaus ein Getreideanteil von 50 bis 60% nicht überschritten. In viehhaltenden Gemischtbetrieben stehen etwa 25% Futter- und Körnerleguminosen in den Fruchtfolgen. Zusätzlich wird durch Untersaaten und Zwischenfruchtbau versucht, die Vegetationsperioden maximal zur Biomasseproduktion zu nutzen. Auf diese Weise soll vor allem zur Erhaltung und Mehrung der Bodenfruchtbarkeit beigetragen werden. Dies ist zwar in allen Landbauverfahren erforderlich, spielt aber im Ökologischen Landbau aufgrund geringerer Stickstoffverfügbarkeit eine besonders große Rolle. Dabei geht es vor allem um hohe Aktivität von Bodentieren und Mikroorganismen, da diese den Stoffumsatz im System Boden und somit auch die Nährstoffbereitstellung für die Pflanzenbestände wesentlich beeinflussen. Hinsichtlich der Pflanzenernährung geht es daher darum, den Kreislauf der lebendigen Substanz im Betrieb in Gang zu halten und Nährstoffkreisläufe möglichst zu schließen. Priorität haben dabei die betriebseigenen organischen Substanzen, vor allem die Wirtschaftsdünger. Synthetische Stickstoffverbindungen, leicht lösliche Phosphate sowie hochprozentige Kalisalze sind von jeder Verwendung ausgeschlossen. Die Mineralstoffversorgung der Pflanzen soll vorwiegend über den Bodenvorrat durch Verwitterung von Urgestein sichergestellt und durch den mikrobiellen Aufschluss der Nährstoffe bei der Mistrotte und der Kompostbereitung unterstützt werden. Somit ist die Humuswirtschaft im Ökologischen Landbau von zentraler Bedeutung. Sie basiert auf mehrjährigem Futterbau im Gemenge von Leguminosen und Gräsern und der organischen Düngung. Um einerseits eine ausreichende Versorgung mit organischer Substanz zu sichern, andererseits aber Nährstoffüberhänge auszuschließen, sind Kohlenstoff- und Stickstoffbilanzen als Entscheidungshilfen erforderlich. Zur Verbesserung der Mineralstoffversorgung können nährstoffhaltige Mineralien und Gesteine (Gesteinsmehl) eingesetzt werden, die nicht durch chemisch- synthetische Aufbereitung in lösliche Form überführt oder zusätzlich mit Nährstoffen angereichert wurden. Sie unterliegen im Boden bei entsprechend hoher mikrobieller Aktivität der biologischen Verwitterung und geben Nährstoffe langsam und anhaltend frei. Nach diesen Erfordernissen richtet sich auch die Bodenbearbeitung. Sie soll die biologische Krumen- und Unterbodenbearbeitung durch die Pflanzenwurzeln unterstützen und zu einer stabilen Bodenkrümelung sowie tiefreichenden Bioporung durch die Regenwurmtätigkeit beitragen. Zu diesem Zweck wird auf flaches Wenden der Ackerkrume mit dem Pflug und gelegentlich tieferes Lockern mit Zinkenwerkzeugen orientiert. Davon wird auch die Unkrautkontrolle berührt. Sie basiert im Ökologischen Landbau auf dem Einarbeiten von Unkräutern bei der Pflugarbeit und dem Bedecken und Ausreißen von Keimpflanzen beim Striegeln. Die Konkurrenz von rasch und hochwachsenden Nutzpflanzenarten mit guter Beschattung muss in der Fruchtfolge von Haupt- und Zwischenfrüchten gezielt genutzt werden. Durch einen sinnvollen Wechsel von Winterungs- und Sommerungsarten können die speziell vergesellschafteten Unkräuter in den jeweiligen Teilbrachezeiten gezielt mechanisch bekämpft werden. Einen wichtigen Beitrag zur Unkrautregulierung leistet auch der mehrmalige Schnitt von Futterpflanzen bzw. das Mulchen von Grünbrachen, wenn dies vor der Samenreife der in den Beständen enthaltenen Unkräuter erfolgt. Die Kunst des Ackerbaus im Ökologischen Landbau basiert auf der richtigen Kombination von Haupt- und Zwischenfrüchten in der Fruchtfolge, organischer Düngung zur Versorgung des Bodenlebens und folglich zur Bereitstellung von Nährstoffen für die Pflanzenbestände sowie standortgerechter technisch-mechanischer Bodenbearbeitung. Damit soll auch dem starken Auftreten von Krankheiten und Schädlingen begegnet werden, die als Symptom eines gestörten Ordnungsgefüges angesehen werden. Im Vordergrund steht die Prävention durch Optimierung von acker- und pflanzenbaulichen Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit und Widerstandskraft der Kulturpflanzen, um die Entwicklung von Krankheiten und Schädlingen zu hemmen. Der Förderung von Selbstregulation und Systemstabilität sollen unter anderem auch landschaftsökologische Elemente wie Hecken, Feldgehölze, Raine, Säume und Krautstreifen als Refugien zur Förderung von Nützlingen dienen. (siehe auch Kap. II-5, Foto II-11). Allerdings kann damit allein der Krankheits- und Schädlingsbefall nicht verhindert werden. Deswegen sind für den Ökologischen Landbau auch verschiedene kurative Maßnahmen entwickelt und zugelassen worden, die aber ausschließlich auf biologischen und biotechnischen Prinzipien beruhen. Ein wesentlicher Aspekt für die Beurteilung des Ökologischen Landbaus ist die Qualität der Erzeugnisse. Pflanzliche Produkte werden im Vergleich zu denen des Integrierten Landbaus häufig als qualitativ hochwertiger angesehen. Dabei liegen allerdings im allgemeinen verschiedene Maßstäbe zugrunde. Während üblicherweise die äußerliche und inhaltsstoffliche Beschaffenheit als quantifizierbare Kriterien für die Qualitätsbeurteilung herangezogen werden,hat sich im Ökologischen Landbau ein erweiterter Qualitätsbegriff etabliert. Dazu zählen neben äußerlicher Beschaffenheit und Eignungswert in der Verarbeitung die ernährungsphysiologische Qualität. Darunter wird die Freiheit der Ernteprodukte von Rückständen chemisch-synthetischer Wirkstoffe ebenso verstanden wie geringe Nitratgehalte in Produkten für den Direktverzehr, vor allem bei Gemüse. Zur gesamtheitlichen Qualitätsbeurteilung bedient man sich auch sogenannter Qualitätsindizes. Dazu werden verschiedene Parameter verknüpft, womit eine größere Aussagefähigkeit erreicht werden soll. Letztlich fließt in die Qualitätsbeurteilung auch die Prozessqualität ein. Darunter wird das Erbringen von ökologischen Leistungen in Verbindung mit der Nahrungsmittelerzeugung verstanden. Die im Ökologischen Landbau erzielbaren positiven Umweltleistungen wie Artenvielfalt, Biotopschutz, Landschaftsgestaltung, Energieverbrauch oder Schadgasemissionen stellen Größen der Prozessqualität dar, die vom Verbraucher auch als „Ökologischer Wert“ wahrgenommen werden und in die Beurteilung dieser Landbauweise einfließen. Im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung können jedoch weder das Konzept des Ökologischen noch des Integrierten Landbaus a priori mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit gleichgesetzt werden. Beide Leitbilder weisen in diesem Kontext sowohl Stärken als auch Schwächen auf. So werden etwa im Konzept der nachhaltigen Entwicklung die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der landwirtschaftlichen Produktion stärker betont als dies der Integrierte Landbau bisher getan hat. Damit hängt auch die Forderung nach Nahrungssicherung im globalen Maßstab zusammen. Dem ökologischen Landbau wird aus der Sicht der Welternährung eine unzureichende Nachhaltigkeit unterstellt, wobei insbesondere der grundsätzliche Verzicht auf eine Reihe von anbautechnischen Möglichkeiten als nicht vereinbar mit dem Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung angesehen wird. Allerdings führt die vielfach zu beobachtende kontroverse Gegenüberstellung beider Leitbilder nicht weiter. Hilfreich können eher quantifizierbare Indikatoren sein, mit denen etwa die Energieeffizienz, die Wassernutzungseffizienz, die Nitratbelastung des Grund- und Trinkwassers, die Möglichkeiten der Erosionsvermeidung und landschaftspflegerische Maßnahmen beurteilt werden. Daraus können sich zukünftig Wirtschaftsweisen entwickeln, welche die Vorzüge der heutigen Leitbilder in sich vereinen und somit dem Nachhaltigkeitsprinzip auf einer neuen Stufe näher kommen.
| Artikelübersicht: | ||||||||||
|


ULMER CMS | Alle Infos unter