Mr.Check
1. Wort markieren
2. Button klicken
3. Erklärung erhalten

 Aktuell
 
Interview mit Manfred Rommel am 2. November 2000

(Siehe zur Person Manfred Rommels auch seinen Lebenslauf auf der Beiratsseite.)

Friedrich Springob/Ulmer online: Sie sind zu der Aufgabe als ehrenamtlicher Koordinator der deutsch-französischen Beziehungen sicherlich nicht wie die Jungfrau zum Kind gekommen.

Manfred Rommel: Doch

F.S.: Dann erzählen Sie doch bitte, wie Sie zu der Aufgabe gekommen sind.

M.R.: Eines Tages rief mich Helmut Kohl an, um mir zu sagen, dass er beabsichtige, mich zum Koordinator zu machen, ob ich damit einverstanden sei? Da sagte ich: Jawohl. Einige Zeit später fuhr ich in die USA, um dort einen Haufen Reden zu halten. Im Gouverneurs-Palais von Alabama kam da eine Sekretärin auf mich zu, der Bundeskanzler möchte mich sprechen. Erneut wurde mir eröffnet, dass der Bundeskanzler beabsichtige, mich zum ehrenamtlichen Koordinator zu machen. Das hat dort tiefen Eindruck gemacht und hob meine Bedeutung in den Augen der Amerikaner gleich um mehrere Stufen. Sie machten mich daraufhin sofort zum Ehrenbürger von Alabama. Und so bin ich Koordinator geworden.

Ich habe immer schon eine große Neigung zu Frankreich gehabt, was kein Wunder ist: Ich bin als französischer Kriegsgefangener ausgesprochen gut behandelt worden, und die erste Verbindung zu einem demokratischen Staat war die Verbindung zu den Franzosen.

Ich verdanke zudem den Franzosen ein gutes Abitur, weil nach dem französischen Zentralabitur nur solche Lehrer einen Schüler prüfen dürfen, die den Schüler nicht im Unterricht gehabt hatten. Das war natürlich wunderbar, weil meine Lehrer gute Gründe hatten, mich nicht zu mögen. Da habe ich ein gutes Abitur gemacht. Der Kommentar meines Direktors war: "Jetzt hat eine blinde Sau ein Eichele gefunden."

Zudem ist meine Frau Romanistin, sie hat französische Verwandtschaft. Ich habe mich immer bemüht, ordentlich Französisch zu lernen, habe es aber nie ganz geschafft.

F.S.: Neben diesen eher privaten Kontakten erwuchsen sicherlich auch Bekanntschaften aus Ihrer Funktion als Oberbürgermeister.

M.R.: Ja natürlich, Stuttgart ist mit Straßburg verschwistert und ich kannte daher meine Kollegen, die dortigen Oberbürgermeister. Allerdings gibt es in Frankreich nicht den Titel Oberbürgermeister, selbst der Bürgermeister von Paris ist nur Bürgermeister, nicht Regierender Bürgermeister, nicht Oberbürgermeister, sondern nur Monsieur le Maire. C´est l´égalité. Mit Pierre Pflimlin, dem Bürgermeister von Straßburg, hatte ich guten Kontakt. Er sprach fast besser deutsch als ich. Seine Frau hat darauf geachtet, dass sein Engagement in Deutschland ihn nicht kompromitiere. Einmal ist er, gemeinsam mit Wolfgang Schäuble und mir bei einer CDU-Veranstaltung aufgetreten. Da rief mich am nächsten Tag Frau Pflimlin an, ihr Mann sei bei seiner Gutmütigkeit zu allem bereit, sie aber nicht. Sie habe mir mehr Vernunft zugetraut...

Pierre Pflimlin war ein beeindruckender Mann von europäischem Rang, mehrere Ministerämter, Ministerpräsident, Präsident des Europaparlamentes, noch mit 90 Jahren sprach er aus dem Stand eine Stunde druckreif französisch oder deutsch. Der Kontakt zu ihm war sehr gut, die Städtepartnerschaft ist allerdings schon vor meiner Amtszeit eingerichtet worden. Das hat noch Arnulf Klett gemacht.

Daneben war auch die Bekanntschaft zu meinem französischen Pendant als Koordinator, Herrn Minister a.D André Bord, sehr erfreulich, sie kann man fast als echte Freundschaft bezeichnen. Und da ist noch die Verwandtschaft meiner Frau, die werden immer mehr, die kann ich gar nicht mehr zählen.

F.S.: Hat es ansonsten noch neben den berufsbedingten Kontakten auch Kontakte privater Natur gegeben?

M.R.: Bevor ich Oberbürgermeister geworden bin, bin gerne nach Frankreich in Urlaub gefahren. Ich kenne so fast ganz Frankreich, besser auch als die Bundesrepublik. Nur leider habe ich selten die Gelegenheit bekommen, meine Sprachkenntnisse grundlegend zu verbessern.

F.S.: Welche Sachgebiete umfasste denn genau Ihre Aufgaben als Koordinator?

M.R.: Alles mit Ausnahme der Kultur. Ich durfte auch da dank der Toleranz meines Kollegen Erwin Teufel, der Bevollmächtigter für Kultur war, etwas sagen, aber meine eigentliche Aufgaben lagen dort nicht.

So ein Ehrenamt erfordert Takt. Wenn ich mich überall einmische, mich morgens zur deutsch-französischen Verteidigungspolitik äußere und abends den Franzosen Ratschläge zur Behandlung ethnischer Minderheiten in der Bretagne gebe, dann sagen die doch, das ist ein Verrückter. Man muss sich da schon bescheiden. Der wichtigste Grundsatz eines ehrenamtlichen Koordinators ist, wenn etwas von selber gut läuft, bloß nicht stören. Daran habe ich mich gehalten. Aber wir haben auch eingegriffen. So waren beide Seiten immer wieder versucht, vor allem die französische, die Zuwendungen für das Deutsch-Französische Jugendwerk zu kürzen. Das hat auch unsere Haushaltsleute immer sehr gefreut, da nach den Statuten der Stiftung die deutsche Seite immer nur soviel zahlen muss wie die französische. Dagegen haben wir uns regelmäßig gewendet. 

Schließlich bin ich dem Regierungswechsel zum Opfer gefallen.

F.S.: Sie hätten es also gerne weiter gemacht?

M.R.: Ja sicher, obwohl ich durch meine Parkinson-Erkrankung und meine Rückenerkrankung doch eingeschränkt bin. Also alles, was Marschleistungen oder langes Rumstehen erfordert, kann ich nicht mehr machen. Ich habe allerdings weitergemacht, ich habe gemeinsam mit einigen französischen Kollegen ein Buch herausgegeben, in dem es um die Atompolitik geht. Denn der einseitige Ausstieg der Deutschen aus der Kernenergie schafft auch Probleme in den deutsch-französischen Beziehungen. Die Franzosen haben da in der Entsorgung für uns erhebliche Vorleistungen erbracht, die jetzt ungenutzt bleiben.

F.S.: Um auf die Anfänge der deutsch-französischen Beziehungen zurückzukommen: Haben Sie da eigentlich Ressentiments gespürt, sie als Hindernis für eine Verständi-gung wahrgenommen?

M.R.: Ich habe relativ wenig französische Ressentiments erlebt, der Wille sich zu verständigen war weitaus stärker. Es ist in meinen Augen sowieso falsch, von einer Erbfeindschaft zu reden. Wann soll die gewesen sein? 1850 hat der württembergische König gesagt, wenn er die Wahl habe, gehe er lieber mit Frankreich als mit Preussen. Man muss klar sehen, dass die süddeutschen Länder Produkte französischer Staatskunst sind und Kaiser Napoleon mehr für die deutsche Einigung gemacht hat als die deutschen Kaiser in den Jahrhunderten zuvor. Man hat auf den Kyffhäuser und Kaiser Rotbart gewartet. Der ist nicht gekommen, stattdessen der Kaiser Napoleon.

F.S.: Der hatte nun keinen roten Bart, aber geholfen hat er.

M.R.: Ja geholfen hat er, vorher haben wir 350 Territorien gehabt, nach ihm nur noch 36.

F.S.: Wie sah denn der Kontakt zu französischen Institutionen innerhalb von Stuttgart aus? Welche Rolle hatten die?

M.R.: Die haben eine ganz wichtige Rolle gespielt, aber ich bin nicht überall ´nagsprunge, denn ansonsten hätte ich ja nicht mehr arbeiten können. Wichtig war mir neben den Kontakten zu den Franzosen auch immer der Kontakt zu den Amerikanern, die hier stationiert waren. Ich habe mich persönlich um das Programm "Meet the mayor" gekümmert. Ähnliches habe ich auch mit den Franzosen gemacht. Früher habe ich radebrecht. Meine Tochter, da war sie noch klein, saß bei einer Gelegenheit bei mir auf den Knien und hat immer gesagt: Nun sag´s schon, weil mir nicht die Worte einfielen.


Vielen Dank für das Gespräch.
 
Start | Wissen | Dialog | Aktuell | Gewinnspiel | Beirat | Hilfe | Kontakt | Seitenanfang
(c) 2005 Verlag Eugen Ulmer